Amazons Standard-Attributionsfenster zählt im Q4 zu wenig Umsatz, dein ACOS wirkt zu hoch und du bietest zu vorsichtig. Ein Rechenbeispiel zeigt: Dasselbe Ziel erlaubt je nach Fenster 17 oder 30 Cent Gebot.
Preistests auf Amazon: Warum es keinen A/B-Test gibt und wie man trotzdem testet
Niusha Shahmoradi und Alexander über einen Marktplatz, der jedem Kunden denselben Preis zeigt, über den Preissprung als Lautstärkeregler und über das Austesten von Hypothesen durch Preistests.
Stand und Einordnung
Dieser Beitrag gibt die Erfahrungswerte zweier Praktiker wieder und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Das gilt besonders für die Abschnitte zur Preisgestaltung über mehrere Verkaufskanäle hinweg, deren Bewertung von Vertriebsform, Vertragslage und Einzelfall abhängt.
Auf einen Blick
Auf Amazon sehen alle Kunden denselben Preis. Ein paralleler A/B-Test ist damit ausgeschlossen, geprüft werden kann nur zeitversetzt.
Das im Livecall genannte Standard-Setup: zwei Wochen Laufzeit, Preis A und Preis B im täglichen Wechsel, Umstellung nachts, Start immer am Folgetag.
Je größer der Abstand zwischen beiden Preisen, desto klarer lassen sich die Daten auswerten. Bei niedrigem Volumen ist ein größerer Sprung deshalb ein wirksames Mittel, aber keine Pflicht. Wer ihn nicht fahren will, fasst verwandte Produkte zu einer Gruppe zusammen.
Nicht die Automatik war der Fehler des Vorgängerprodukts, sondern die fehlende Wahl. Händler konnten nicht selbst bestimmen, welcher Preis nach einem Test gesetzt wird.
Wer bei jeder Preiserhöhung die Buybox verliert, muss zuerst die anderen Verkaufskanäle anheben und die Crawl-Verzögerung von ein bis zwei Tagen abwarten.
Preis ist der Hebel, den Händler am seltensten anfassen und am ehesten für ausgereizt halten. Wer ein Listing optimiert, tauscht Bilder, schreibt Texte um und feilt am vierten Produktbild, während die Zahl, auf die jeder Käufer zuerst schaut, seit dem Launch unverändert dasteht. Shahmoradi nennt das im Livecall fahrlässig, und die Runde widerspricht ihm an dieser Stelle nicht.
Der Grund für die Zurückhaltung ist allerdings kein Versäumnis, sondern ein Konstruktionsmerkmal des Marktplatzes. Ein Preistest auf Amazon lässt sich nicht so aufsetzen, wie man ihn aus dem eigenen Shop kennt. Was stattdessen geht, wie lange es dauert und woran es scheitert, ist der Inhalt dieses Beitrags.
Wie weit sich diese Arbeit abgeben lässt, umreißt Shahmoradi im Livecall mit einem Zitat der Investorin Judith Dada. Ihr Punkt: Analyse und Optimierung von Preisen laufen inzwischen maschinell, das Abwägen strategischer Ausnahmen und das Durchsetzen einer Entscheidung im eigenen Unternehmen nicht. In dieser Lücke bewegt sich alles, was in diesem Beitrag steht.
FolieWo die Automatisierung endet
Die zitierte Stelle stammt aus Judith Dadas Text The Holy Fuck Gap. Sie ordnet Preismanager in den Bereich ein, in dem Analyse maschinell läuft, die Entscheidung über Ausnahmen aber weiterhin am Menschen hängt.
Warum lässt sich ein Preis auf Amazon nicht als A/B-Test prüfen?
Weil der Marktplatz keine unterschiedlichen Preise für unterschiedliche Kunden zulässt. Zwei Besucher, die dasselbe Angebot zur selben Zeit öffnen, sehen denselben Betrag. Damit fehlt die Voraussetzung jedes klassischen A/B-Tests, nämlich zwei Gruppen im selben Zeitraum.
Der Marktplatz zeigt beiden Besuchern denselben Betrag. Damit fehlt die Voraussetzung jedes klassischen A/B-Tests, nämlich zwei Gruppen im selben Zeitraum.
Shahmoradi formuliert es im Livecall an einem Beispiel: Wenn er und ein anderer Teilnehmer gleichzeitig dasselbe Listing aufrufen, ist es praktisch ausgeschlossen, dass sie als Endkunden verschiedene Preise angezeigt bekommen. Eine Ausnahme bilden gesonderte Geschäftskundenpreise, die aber an einen anderen Kontotyp gebunden sind und nicht als Testinstrument taugen. Amazon selbst beschreibt diesen Punkt in einem Fachaufsatz zur eigenen Preisexperimentierung: Weil das Unternehmen nicht preisdiskriminiert, muss es seine Versuche über zufällig zugeteilte Produkte statt über zufällig zugeteilte Kunden führen.
Für die Praxis heißt das: Der Vergleich muss über die Zeit laufen statt über die Kundengruppe. Genau daraus entsteht das eigentliche Problem des Preistests auf Amazon. Sobald zwei Preise nacheinander statt nebeneinander stehen, liegt zwischen ihnen alles, was sich in der Zwischenzeit im Markt verändert hat. Ein Wettbewerber startet eine Aktion, ein anderer geht aus dem Bestand, die Saison zieht an, das Wetter kippt.
Ein Teilnehmer, der bereits eigene Tests fährt, beschreibt dieselbe Schwierigkeit von der anderen Seite. Er beobachtet Deckungsbeitrag, Werbekostenquote, Conversion-Rate und Klickrate parallel und weiß am Ende oft nicht, welcher Störfaktor das Ergebnis erzeugt hat. Seine offene Frage ist nicht, wie man den Preis wechselt, sondern welche Kennzahl den Ausschlag geben soll und wie lange der Test dafür laufen muss.
FolieWas alles auf den Preis einwirkt
Shahmoradi legt in seinem Vortrag zwei Ebenen übereinander. Außen stehen die harten Größen wie Wareneinsatz, Gebühren, Wettbewerb, Lagerbestand und Saisonalität. Innen kommen die weichen dazu, also Wetter, Kaufkraft, Laune und persönliche Vorlieben. Wer alle gleichzeitig berücksichtigen will, kann nichts mehr entscheiden.
Störfaktor 01
Saison
Nachfrage bewegt sich über Wochen, nicht über Tage. Fällt ein Preiswechsel in eine anziehende oder abflauende Phase, wird die Veränderung dem Preis zugeschrieben, obwohl sie ohnehin eingetreten wäre.
Störfaktor 02
Aktionen des Wettbewerbs
Ein Nachbarangebot mit Deal oder Coupon verschiebt den Traffic im gesamten Umfeld. Der eigene Absatz verändert sich dann aus einem Grund, der im eigenen Konto nirgends auftaucht.
Störfaktor 03
Eigene Aktionen
Laufende Deals, Coupons und Werbeschübe überlagern den Preiseffekt. Shahmoradi rät ausdrücklich davon ab, den ersten Test in eine Phase mit parallel laufenden Aktionen zu legen.
Störfaktor 04
Verfügbarkeit
Geht ein Wettbewerber aus dem Bestand, steigt der eigene Absatz unabhängig vom Preis. Umgekehrt endet jeder Test faktisch in dem Moment, in dem der eigene Bestand knapp wird.
Wie sieht ein sauberer Preistest auf Amazon aus?
Als Wechseltest über zwei Wochen: Preis A und Preis B laufen im täglichen Wechsel, die Umstellung passiert nachts, und der Test startet nie am laufenden Tag. So bekommt jeder Wochentag beide Preise genau einmal.
Der Wechsel im Tagesrhythmus sorgt dafür, dass beide Preise dieselben Wochentage abbekommen. Ohne diesen Aufbau vergleicht ein Test am Ende Wochenende gegen Werktag.
Der Aufbau löst das Problem der ungleichen Vergleichszeiträume. Ein Sonntag verhält sich anders als ein Dienstag, der Anfang der Woche anders als das Ende. Wechseln die beiden Preise täglich, fällt jeder Wochentag einmal auf Preis A und einmal auf Preis B, und der Vergleich läuft nicht mehr Wochenende gegen Werktag.
Der Wechsel selbst liegt nachts, damit keine laufende Sitzung unterbrochen wird und kein Kunde den Preis während seines Besuchs springen sieht. Aus demselben Grund beginnt ein Test grundsätzlich am Folgetag und nicht mitten in einem angefangenen Tag, weil die ersten Stunden sonst der falschen Variante zugerechnet werden.
Ein Teilnehmer beschreibt ein selbst gebautes Setup nach genau diesem Muster: eine Tabelle mit Artikelnummer, Preis A und Preis B, ein Automatisierungswerkzeug, das nachts um zwölf umstellt, und eine Kontrollabfrage eine halbe Stunde später, ob die Änderung wirklich angekommen ist. Sein offener Punkt liegt nicht im Mechanismus, sondern in der Auswertung.
FolieDie Studienlage zum Preistest
Amazon beschreibt sein eigenes Vorgehen im Fachaufsatz von Cooprider und Nassiri. Weil der Konzern nach eigener Angabe nicht preisdiskriminiert, arbeitet er mit produktrandomisierten Versuchen und mit Überkreuz-Designs, um Nachfragetrends herauszurechnen. Der Wechseltest im Verkäuferkonto ist die schlichte Variante desselben Gedankens.
Vor dem Start
Vier Festlegungen, die vor jedem Test stehen
Aufklappen zeigt, was im Livecall zu jeder der vier Größen gesagt wurde und woran sich die Entscheidung festmachen lässt.
Die RichtungDeine These
Shahmoradi hält es für einen Fehler, die Richtung dem Werkzeug zu überlassen. Der Händler kennt sein Sortiment, seine Marge und sein Wettbewerbsumfeld besser als jede Auswertung von außen. Deshalb steht am Anfang eine ausformulierte Annahme, etwa dass der Markt preissensibel ist oder dass die eigene Markenstärke auf den Hauptsuchbegriffen einen Aufschlag trägt.
Die SprunghöheAb 0,50 Euro
Als Einstieg nennt Shahmoradi fünfzig Cent nach oben oder unten. Je größer der Abstand zwischen beiden Preisen, desto klarer lässt sich das Ergebnis auswerten. Bei niedrigem Absatz nennt Alexander deshalb zwei bis drei Euro und ein anschließendes Herantasten in kleineren Schritten. Zwingend ist das nicht: Wer den Preis nicht so weit bewegen will, sammelt die fehlenden Signale über eine Produktgruppe statt über die Sprunghöhe.
Der ZeitraumZwei Wochen
Zwei Wochen sind der genannte Standard, unabhängig vom Werkzeug. Bei sehr hoher Umschlagsgeschwindigkeit lassen sich nach zehn Tagen erste Tendenzen erkennen. Läuft ein Test über Monate, verändert sich das Umfeld so stark, dass sich das Ergebnis nicht mehr sauber auf den Preis zurückführen lässt.
Die ZielgrößeMenge oder Marge
Ob auf verkaufte Einheiten oder auf Deckungsbeitrag optimiert wird, verändert das Ergebnis desselben Tests. Wer Bestand abbauen will, bewertet einen niedrigeren Preis anders als jemand, der aus jeder Einheit das Maximum ziehen will. Die Zielgröße gehört deshalb vor den Test, nicht in die Auswertung.
Wie lange muss ein Preistest laufen?
Zwei Wochen sind der Richtwert aus dem Livecall, und zwar unabhängig davon, mit welchem Werkzeug getestet wird. Zehn Tage reichen nur bei sehr hohem Absatz, alles unterhalb davon liefert Tendenzen statt Ergebnissen.
Zwei Wochen sind der Richtwert, weil beide Preise dieselben Wochentage abbekommen. Nach unten begrenzt die Absatzmenge, nach oben das Marktgeschehen.
Die Begründung ist die Wochenstruktur. Ein Teilnehmer berichtet, dass der Sonntag bei ihm der stärkste Verkaufstag ist. Bei einer Laufzeit von zwei Wochen fällt je ein Sonntag auf jeden der beiden Preise, bei einer Woche entscheidet ein einzelner Tag über das Ergebnis.
Nach unten begrenzt die Absatzmenge, was möglich ist. Shahmoradi nennt hundert verkaufte Einheiten am Tag als Größenordnung, ab der eine verkürzte Laufzeit überhaupt in Betracht kommt. Darunter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass zufällige Schwankungen als Preiseffekt gelesen werden.
Nach oben begrenzt das Umfeld. Ein Test über sechs Monate misst nicht mehr den Preis, sondern ein halbes Jahr Marktgeschehen. Die Frage, die Shahmoradi dabei stellt, lautet, wie viel Vakuum um den Test herum überhaupt noch übrig ist.
Ein einzelner Test pro Quartal lässt sich von Hand machen. Regelmäßiges Testen scheitert nicht am Preiswechsel, sondern daran, dass die Ergebnisse nirgends zusammenlaufen.
Was tun, wenn ein Produkt zu wenig Volumen für ein klares Ergebnis hat?
Den Preissprung vergrößern oder mehrere verwandte Produkte gemeinsam testen. Ein längerer Zeitraum allein hilft nicht, weil mit der Laufzeit auch die Zahl der Störfaktoren wächst.
Je kleiner der Preissprung, desto stärker überlagern Schwankungen den Effekt. Wer wenig Absatz hat, gewinnt Klarheit deshalb nicht durch Geduld, sondern durch einen größeren Abstand zwischen den Preisen oder durch mehr Artikel im selben Test.
Alexander erklärt das mit einem Bild aus dem Livecall. Zwei Personen stehen in einem Raum und sprechen miteinander, draußen arbeitet ein Presslufthammer. Je lauter gesprochen wird, desto klarer ist zu verstehen, was gesagt wurde. Die Lautstärke ist in diesem Bild der Preissprung, der Presslufthammer ist alles, was gleichzeitig im Markt passiert.
Daraus folgen zwei Hebel. Der erste ist die Sprunghöhe: statt eines Euro zwei oder drei, und anschließend in kleineren Schritten heranarbeiten, bis der Punkt gefunden ist. Das ist eine Aussage über die Auswertbarkeit und keine Vorschrift. Ein größerer Abstand macht das Ergebnis lesbarer, verlangt aber auch, dass der Preis zwei Wochen lang tatsächlich so weit von der gewohnten Lage abweichen darf. Wer das aus Wettbewerbs- oder Margengründen nicht will, ist mit dem zweiten Hebel besser bedient. Der zweite ist die Menge der Signalgeber. Wer Varianten oder verwandte Artikel zu einer Gruppe zusammenfasst und den Test auf die Gruppe legt, sammelt mehr verkaufte Einheiten in derselben Zeit.
Die Gruppenbildung hat einen zweiten Nutzen. Sie beantwortet die Frage, wie sich der Gesamtumsatz bewegt, wenn eine Variante im Preis wandert. Alexander verweist auf Sortimente mit einer günstigen Einstiegs- und einer neuen Premiumvariante, bei denen der Effekt einer Preisänderung erst auf Gruppenebene sichtbar wird.
Frage in der ecom Mastermind
„Bei einem Werkzeug, das mir plötzlich alle Möglichkeiten an die Hand gibt, sehe ich eine Gefahr. Wie setze ich einen Preistest so auf, dass ich am Ende sagen kann, das war jetzt der Grund, wenn es fünfzig Faktoren gibt?“
Niusha Shahmoradi antwortet
Das vollständige Vakuum gibt es nicht. Es gibt keinen Zustand, in dem ich mit Sicherheit sagen kann, dass genau diese eine Ursache das Ergebnis erzeugt hat. Man muss sich herantasten.
Deshalb gibt es bei uns ein Hypothesenfeld. Das ist ein Versprechen an die eigene Zukunft: Du schreibst vor dem Test auf, was du erwartest, etwa dass ein Produkt seit zwei Jahren stabil läuft, dass du zur Weihnachtszeit immer nach unten anpasst und dass ein niedrigerer Preis in deiner Rechnung so und so viel mehr Umsatz bringen müsste. Nach zwei Wochen prüfst du gegen genau diesen Satz und nicht gegen eine Erinnerung.
Dazu kommt die Zielgröße. Wenn du festlegst, ob auf Einheiten oder auf Marge optimiert wird, ist eine der fünfzig Variablen bereits entschieden, bevor der Test startet.
Kernpunkt
Ein Preistest wird nicht dadurch belastbar, dass alle Störfaktoren ausgeschaltet werden, sondern dadurch, dass die Erwartung vorher schriftlich feststeht.
Empfehlung
Vor dem Start eine Annahme und eine Zielgröße festhalten, danach nur gegen diese beiden auswerten.
Wer entscheidet nach einem Preistest, welcher Preis am Ende steht?
Der Händler. Ein Werkzeug darf den Gewinnerpreis automatisch setzen, aber es darf dem Händler die Wahl nicht abnehmen. Shahmoradi nennt rückblickend genau diese fehlende Wahlfreiheit den Fehler seines früheren Produkts.
Derselbe Testsieger, zwei Ausgänge. Nicht die Automatik entscheidet darüber, sondern die Frage, ob der Händler die Wahl hatte. Ein Preis, den er nicht selbst bestätigt hat, wird oft wieder zurückgenommen, auch wenn die Zahlen dafür sprechen.
Der Ablauf war bei Priceloop geradlinig aufgebaut. Ein Test lief, ein Preis gewann, das Werkzeug schrieb ihn fest. Das Setzen selbst war dabei nicht das Problem, denn die Daten sprachen dafür. Das Problem war, dass es keinen anderen Weg gab. Wer nach oben getestet hatte und den höheren Preis nicht dauerhaft stehen lassen wollte, fand im Werkzeug keine Möglichkeit dafür und korrigierte ihn außerhalb wieder zurück.
Im heutigen Aufbau ist das automatische Setzen deshalb eine Option, die beim Anlegen des Tests aktiv gewählt wird. Wer sie setzt, bekommt dieselbe Automatik wie früher. Wer sie weglässt, bekommt am Ende eine Auswertung und entscheidet selbst. Shahmoradi beschreibt die eigene Rolle passend dazu mit einem Bild: kein Preismanager, sondern ein schlecht bezahlter Praktikant, der nachts die Preise umstellt, am Ende die Daten exportiert und die Entscheidung dem Händler überlässt.
Denselben Grundgedanken zieht er über die Richtungswahl. Auch wenn die Datenlage eine Annahme nahelegt, soll sie den Händler nicht überstimmen. Der Grund ist derselbe wie beim Gewinnerpreis: Was ohne eigene Entscheidung zustande kommt, hält im Alltag nicht.
FolieDie Maske für einen Preistest
In der Maske stehen die vier Festlegungen nebeneinander: Zeitraum, Kennzahl, ein optionales Hypothesenfeld und ein Häkchen für die Frage, ob der Gewinnerpreis am Ende automatisch gesetzt werden soll. Das Häkchen ist nicht vorbelegt. Die Auswertung rechts arbeitet mit Beispieldaten aus der Vorführung, nicht mit echten Konten.
„Wir bauen keinen Preismanager. Wir bauen einen schlecht bezahlten Praktikanten, der nachts die Preise setzt und dir am Morgen die Daten hinlegt.“
Niusha Shahmoradi über die Rolle des Werkzeugs
Was hilft, wenn Amazon bei jeder Preiserhöhung die Buybox entzieht?
Zuerst die anderen Verkaufskanäle anheben und die Crawl-Verzögerung abwarten. Amazon vergleicht den eigenen Preis mit dem, was auf anderen Plattformen und im eigenen Shop steht, und stuft ihn danach als wettbewerbsfähig ein oder nicht.
Amazon vergleicht den eigenen Preis mit dem, was auf anderen Kanälen steht. Weil die Erfassung nicht in Echtzeit läuft, entscheidet die Reihenfolge darüber, ob der Angebotsplatz erhalten bleibt.
Ein Teilnehmer schildert den Fall im Livecall: eigene Marke, ausschließlich Versand durch Amazon, keine Fremdanbieter auf dem Listing, und trotzdem regelmäßig eine Nachricht mit der Aufforderung, den Preis zu senken. Wird sie ignoriert, verschwindet der Angebotsplatz, obwohl niemand sonst auf dem Angebot sitzt.
Alexander ordnet das aus der Zeit bei Razor ein, wo rund zwanzigtausend Produkte über sechs Märkte und mehrere Kontinente liefen und daraus etwa achtzigtausend Preis-Markt-Kombinationen entstanden. Die Reihenfolge war dort entscheidend: erst auf den anderen Kanälen erhöhen, dann auf Amazon nachziehen. Wie lange dazwischen liegen musste, unterschied sich je Kanal und lag bei ein bis zwei Tagen, in Einzelfällen deutlich länger, weil die Preise nicht in Echtzeit erfasst werden.
Für Preistests hat dieser Zustand eine unangenehme Konsequenz. Ohne Angebotsplatz gibt es kaum Verkäufe, und ohne Verkäufe fehlt jede Datengrundlage. Shahmoradi rät deshalb, in dieser Lage zunächst nach unten zu testen und in Abständen zu prüfen, ob sich der Griff lockert, statt auf ein Werkzeug zu setzen, das mangels Signalen nichts liefern kann.
Frage in der ecom Mastermind
„Müssten wir erst einmal aus dieser Lage herauskommen, in der Amazon uns bei jeder Preiserhöhung die Buybox entzieht, bevor wir überhaupt mit einem Werkzeug für Preistests arbeiten können?“
Niusha Shahmoradi antwortet
Im Kern ja. Wir leben von Datenpunkten, und wenn es keine Verkäufe gibt, weil der Angebotsplatz fehlt, kann ein Werkzeug wenig ausrichten.
Trotzdem würde ich in deiner Lage regelmäßig antesten. Du musst ja irgendwie herausfinden, wann sich die Lage löst, und das siehst du nur, indem du es in Abständen probierst. Solange das manuell geht, mach es manuell. Sobald du merkst, dass sich etwas bewegt, lohnt es sich, das strukturiert aufzuziehen.
Was mittelfristig hilft, ist die Anbindung mehrerer Kanäle an dieselbe Preisentscheidung. Wenn ein höherer Preis im Test gewinnt, muss er auch auf den anderen Plattformen nachgezogen werden, sonst gewinnst du eine Woche Marge und verlierst danach den Angebotsplatz.
Kernpunkt
Ohne Angebotsplatz fehlen die Verkäufe, auf denen jede Auswertung beruht. Der Preistest ist dann nicht das erste Problem.
Empfehlung
In dieser Lage zunächst nach unten testen und in Abständen prüfen, ob eine Erhöhung wieder trägt.
Wie fängt jemand an, der noch nie einen Preis getestet hat?
Mit den eigenen Daten, nicht mit dem Test. Erst der Überblick über Absätze, Saisonalität und Preishistorie liefert die Annahme, gegen die anschließend geprüft wird.
Vier schmale Tests hintereinander zeigen, an welcher Stelle der Zugewinn kippt. Ein einziger breiter Versuch liefert nur ein Ja oder Nein, aber keinen Punkt auf der Skala.
Shahmoradi dreht die übliche Reihenfolge um. Wer zwei Jahre lang denselben Preis gefahren hat, besitzt einen ungewöhnlich sauberen Datensatz: In diesen zwei Jahren ist jede Saison, jedes Wettbewerbsumfeld und jede Marktlage einmal vorgekommen, und der Preis war dabei die einzige Konstante. Daraus lässt sich ablesen, wie saisonal ein Produkt tatsächlich ist, bevor irgendetwas verändert wird.
Der zweite Schritt ist die Auswahl der Kandidaten. Geeignet sind stabile Artikel ohne laufende Aktionen und ohne Bestandsprobleme. Ungeeignet ist alles, was gerade beworben, verramscht oder neu eingeführt wird, weil sich der Preiseffekt dort nicht von der Maßnahme trennen lässt.
Der dritte Schritt ist bewusst klein. Fünfzig Cent in eine Richtung, zwei Wochen Laufzeit, eine notierte Erwartung. Shahmoradi fasst das Vorgehen als kleine Brötchen backen, aber viele davon: lieber eine Reihe schmaler Tests hintereinander als ein breit angelegter Versuch, der fünfzehn Prozent in beide Richtungen gleichzeitig prüfen soll.
Vorlauf
Bestandsaufnahme der eigenen Zahlen
Absätze, Bestseller, Preishistorie und Saisonverlauf zusammentragen. Ziel ist nicht die Entscheidung über den Preis, sondern die Frage, welche Produkte überhaupt genug Volumen für ein lesbares Ergebnis haben.
Vorlauf
Kandidaten und Annahme festlegen
Stabile Artikel ohne laufende Aktionen auswählen, Richtung und Zielgröße bestimmen und die Erwartung in einem Satz notieren. Diese Notiz ist später der Maßstab der Auswertung.
Woche 1 und 2
Erster Wechseltest
Fünfzig Cent Unterschied, täglicher Wechsel zwischen Preis A und Preis B, Umstellung in der Nacht, Start am Folgetag. Während der Laufzeit keine zusätzlichen Aktionen auf denselben Artikeln starten.
Woche 3
Auswertung gegen die Annahme
Absatz und Deckungsbeitrag je Preis vergleichen und mit der notierten Erwartung abgleichen. Ob der Gewinnerpreis übernommen wird, bleibt eine bewusste Entscheidung und keine Automatik.
Woche 4
Nachschärfen statt neu anfangen
War das Ergebnis nicht lesbar, im nächsten Durchgang den Sprung vergrößern oder mehrere verwandte Artikel zu einer Gruppe zusammenfassen. War es lesbar, in dieselbe Richtung weitergehen und die Grenze suchen.
Frage in der ecom Mastermind
„Warum sollten wir den Preis überhaupt nach unten testen? Wir wissen doch, dass Senkungen bei uns funktionieren.“
Niusha Shahmoradi antwortet
Das ist eine sehr steile These, und ich würde sie ausdrücklich hinterfragen. Die entscheidende Frage ist, was funktioniert hier eigentlich heißt.
Es gibt einen Punkt, an dem du zwar mehr verkaufst, der Tausch aber nicht mehr lohnt. Und es gibt einen Punkt, an dem die Nachfrage ihr natürliches Maximum erreicht hat und weitere Senkungen gar nichts mehr bringen. Wenn du wirklich wüsstest, dass du mit jedem Euro nach unten am Listing insgesamt mehr verdienst, dann müsstest du konsequenterweise weiter runtergehen, solange das gilt.
Genau deshalb würde ich es messen. Nicht, weil ich vermute, dass es falsch ist, sondern weil aus funktioniert sonst nie eine Zahl wird.
Kernpunkt
Die Aussage, eine Richtung funktioniere, benennt keine Grenze. Ohne Grenze bleibt offen, ob der aktuelle Preis der beste in dieser Richtung ist.
Empfehlung
Auch in einer als sicher geltenden Richtung testen, um den Punkt zu finden, an dem der Zugewinn kippt.
Ein Teilnehmer beschreibt genau diesen Fall aus der eigenen Praxis. Für ein Produkt mit dem Ziel maximaler absoluter Deckungsbeitrag rechnete er zunächst aus, wie viel Spielraum vor Werbekosten überhaupt vorhanden war, senkte den Preis in Schritten und beobachtete Conversion-Rate und Klickrate. Beide stiegen, die verkaufte Menge stieg mit, und am Ende stand trotz des niedrigeren Preises ein höherer absoluter Deckungsbeitrag als zuvor. Voraussetzung war ausreichender Bestand, weil der Effekt sonst mitten im Test abgebrochen wäre.
Zur Einordnung
Die Angaben in diesem Beitrag stammen aus einem Livecall der ecom Mastermind. Die beiden Gäste stellen darin mit Ball8n ein eigenes Werkzeug für Preistests vor und haben ein wirtschaftliches Interesse an dessen Verbreitung. Die Redaktion hat den Beitrag auf die Methodik ausgerichtet, weil Testaufbau, Laufzeit und Sprunghöhe unabhängig vom eingesetzten Werkzeug gelten.
Die abgebildeten Folien stammen unverändert aus dem Foliensatz des Referenten. Sie folgen dessen Gestaltung und nicht der dieses Magazins. Die Redaktion hat sie ausgewählt und mit Bildunterschriften versehen, aber inhaltlich nicht verändert. Die Bildschirmfotos der Auswertung zeigen Beispieldaten aus der Vorführung.
Die genannten Erfahrungswerte aus früheren Projekten sind nicht überprüfbar. Nachvollziehbar sind dagegen die Begründungen, etwa warum ein täglicher Wechsel die Wochentage ausgleicht oder warum ein größerer Preissprung ein klareres Ergebnis liefert.
Häufige Fragen
Kann ich auf Amazon unterschiedlichen Kunden unterschiedliche Preise zeigen?
Nach den Angaben aus dem Livecall nicht. Endkunden sehen dasselbe Angebot zum selben Preis. Gesonderte Geschäftskundenpreise sind an einen eigenen Kontotyp gebunden und eignen sich nicht als Testinstrument. Ein paralleler A/B-Test ist damit ausgeschlossen.
Wie lange sollte ein Preistest laufen?
Zwei Wochen sind der genannte Standard, weil so jeder Wochentag beide Preise einmal abbekommt. Zehn Tage kommen nur bei sehr hoher Umschlagsgeschwindigkeit in Betracht, als Größenordnung nennt Shahmoradi hundert verkaufte Einheiten am Tag. Laufzeiten über mehrere Monate messen eher das Marktgeschehen als den Preis.
Wann sollte der Preis gewechselt werden?
Nachts, damit keine laufende Sitzung unterbrochen wird und kein Kunde den Preis während seines Besuchs springen sieht. Ein Test beginnt aus demselben Grund am Folgetag und nicht mitten in einem angefangenen Tag.
Mein Produkt verkauft zu wenig für ein klares Ergebnis. Was jetzt?
Ein größerer Abstand zwischen den beiden Preisen macht das Ergebnis auswertbar, also etwa zwei bis drei Euro statt eines Euro, mit anschließendem Herantasten in kleineren Schritten. Das ist ein Mittel, keine Pflicht: Wer den Preis nicht so weit bewegen will, fasst stattdessen mehrere verwandte Artikel zu einer Gruppe zusammen, damit in derselben Zeit mehr verkaufte Einheiten in die Auswertung einfließen. Ein längerer Zeitraum allein löst das Problem nicht.
Wer legt nach dem Test fest, welcher Preis gesetzt wird?
Der Händler. In Shahmoradis früherem Werkzeug wurde der Gewinnerpreis automatisch festgeschrieben, ohne dass der Händler eine Wahl hatte, und viele nahmen ihn anschließend zurück, obwohl er messbar besser lief. Die Automatik selbst war dabei nicht das Problem, sondern die fehlende Wahlfreiheit. Heute ist sie eine Option, die beim Anlegen des Tests gesetzt wird oder eben nicht.
Quellen
Livecall mit Niusha Shahmoradi und Alexander in der ecom Mastermind am 2. September 2026, Aufzeichnung. Alle Zahlen und Erfahrungswerte in diesem Beitrag stammen aus dieser Quelle.
Joe Cooprider, Shima Nassiri: Science of price experimentation at Amazon, Business Economics, National Association for Business Economics 2023: doi.org
Marshall Fisher, Santiago Gallino, Jun Li: A Step-by-Step Guide to Real-Time Pricing, Harvard Business Review, Ausgabe November bis Dezember 2025. Im Foliensatz als zweite Quelle zur Studienlage genannt.
Judith Dada: The Holy Fuck Gap. Aus diesem Text stammt die im Vortrag zitierte Einordnung zur Rolle von Preismanagern.
Ball8n, das im Livecall vorgestellte Werkzeug für Preistests: ball8n.com
Amazon Seller Central, Angebotsplatz und Preisangaben im Verkäuferkonto: sellercentral.amazon.de
Seit dem 12. August gilt die PPWR für jede Verpackung im Warenstrom.